Es ist schon verdammt lange her, dass mich ein Buch derart in seinen Bann gezogen hat. «Zwei, drei blaue Augen» von Victor Schefé ist einer dieser seltenen Pageturner, bei denen man das Licht erst in den frühen Morgenstunden ausknipst – nicht, weil man es sollte, sondern weil man einfach nicht anders kann. Das Buch lässt einen nicht los. Punkt.
Worum geht’s?
Victor Schefé erzählt in seinem autobiografisch geprägten Debütroman die Geschichte von Tassilo, geboren 1967 in Rostock, aufgewachsen in der Enge einer Plattenbausiedlung. Tassilo ist jung, verliebt in Musik und Männer – und will raus. Raus aus der DDR, rein in die Freiheit West-Berlins. Sobald es rechtlich geht, will er den Antrag auf «ständige Ausreise» stellen. Zwischen Verzweiflung und Euphorie plant er seinen Ausbruch, während ihm seine systemtreue Mutter die Kriegserklärung ausspricht: «Mutter sagt, sie wird alles dafür tun, dass mein Vorhaben nie aufgeht. Ihre Kriegserklärung ist klipp und klar – nicht nur als Mutter, auch als Genossin.»
1986, mit gerade mal 19 Jahren, schafft Tassilo das scheinbar Unmögliche und kommt am Bahnhof Zoo an. Drei Jahre später fällt die Mauer – und er macht eine Entdeckung, die sein Leben für immer verändert. Schefé webt seine Geschichte aus Tagebucheinträgen, Briefen, Kindheitserinnerungen und Original-Stasi-Akten zu einem atemlosen, energiegeladenen Roman, der sich liest wie ein Brainstorming aus kurzen, prägnanten Sätzen und Wortneuschöpfungen.
Warum das Buch nachklingt
Dieses Buch hat mich berührt. Und es klingt nach. Immer noch. Vielleicht liegt es an der bewundernswerten Geradlinigkeit des Protagonisten, der mit einer fast brutalen Klarheit erkannt hat: In diesem Land, in dieser DDR, kann und werde ich nicht glücklich werden. Keine Kompromisse, kein Arrangement. Nur diese eine glasklare Erkenntnis – und der eiserne Wille, sie durchzusetzen.
Der Mut, den es braucht, gegen alles anzugehen, ist kaum in Worte zu fassen: gegen das System, gegen die Familie, gegen die eigene Mutter, die ihn bespitzelt und verrät. Schefé zeigt das nicht in großen dramatischen Gesten, sondern in den kleinen, zermürbenden Details. Eine ständige Überwachung, regelmäßige Verhöre, Druck von allen Seiten. Seine Mutter ist nicht nur Mutter, sondern eben auch «Genossin». Sie wird Teil des Apparats, der ihren eigenen Sohn niederhalten will. Das schmerzt beim Lesen – und es sollte schmerzen.
Queere Erfahrungen in der angeblich liberalen DDR
Besonders beeindruckt hat mich, wie behutsam und gleichzeitig glaubhaft Schefé die ersten queeren Erfahrungen seines Protagonisten schildert. Mit 14 entdeckt Tassilo, dass er auf Jungs steht – in einem Land, das sich gerne als liberaler inszenierte als der Westen. Die Realität sah anders aus. Schefé zeigt durch die geschilderten Repressionen sehr deutlich, wie die DDR wirklich mit Menschen umging, die sich nicht arrangieren wollten oder konnten. Das ist ein wichtiger, notwendiger Kontrapunkt zur verklärt-nostalgischen «Ostalgie», die heute manchmal durchschimmert. Hier wird nichts schöngeredet.
Nadelstiche und Mangel
Wie Nadelstiche wirken die wiederkehrenden Schilderungen der Weihnachtsvorbereitungen. Jahr für Jahr listet Schefé auf, was es gerade nicht zu kaufen gab. Diese scheinbar banalen Details zeichnen ein eindringlicheres Bild der Mangelwirtschaft als jede theoretische Abhandlung es könnte. Es ist die Banalität des Alltags, die hier ihre ganze Wucht entfaltet.
Die Playlist der 80er
Und dann ist da noch die Musik. Überall Musik. «Zwei, drei blaue Augen» ist auch eine wunderbare Playlist der 80er Jahre – und als queere Person habe ich natürlich «Sex Crime» von den Eurythmics mit ganz anderen Augen gelesen und gehört. Die Musik ist nicht nur Beiwerk, sie ist Sehnsuchtsträger, Fluchthelfer, Verbündete. Sie ist der Soundtrack eines Lebens, das sich Freiheit erkämpfen musste.
Victor Schefé hat mit «Zwei, drei blaue Augen» ein Buch geschrieben, das unter die Haut geht. Energiegeladen, ehrlich, ohne Umschweife. Ein Roman, der nichts glättet – und gerade deshalb berührt.
