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Individuelle Absatzformate in Pandoc und Word verwenden

Seit Jahren schreibe ich alle meine Artikel und Blogbeiträge in Markdown. Für die Konvertierung nutze ich Pandoc. Das unterstützt inzwischen dermaßen viele Formate, dass ich wirklich jeden Kundenwunsch in Sachen Ausgabeformate erfüllen kann. Der Einsatz von Markdown bietet mir diese Vorteile:

  1. Die Zeitersparnis beim Schreiben: Das beginnt bereits damit, dass ein klassischer Texteditor wie Atom auf jeder Plattform einfach schneller reagiert als eine Textverarbeitung. Und während des Schreibens muss ich mich nicht durch Menüs mit Formatvorlagen hangeln.
  2. Flexibilität beim Ausgabeformat: Aus der gleichen einfachen Textdatei entstehen Artikel im HTML-Format oder als DOCX (ODT).

Im Alltag mit Redaktionen und Verlagen tritt das regelmäßig ein kleines Detailproblem auf:

Wie nutzen Sie eigene Formatvorlagen in Pandoc und Word?

Viele Verlagshäuser haben eigene Arbeitsabläufe entwickelt, um das Layout von Artikeln und Büchern zu beschleunigen. Sie stellen den Autoren eine Formatvorlage für Word zur Verfügung. Das so formatierte Dokument kann dann beispielsweise schneller in InDesign oder andere Anwendungen eingelesen werden, da die in Word verwendeten Vorlagen mit einem Template im DTP-Programm korrespondieren.

Das Problem: Pandoc und Markdown kennen diese Formate natürlich nicht. Die naheliegende Lösung: Sie nutzen in Word die Funktion „Suchen&Ersetzen“, die ja bekanntlich auch Formatvorlagen austauschen kann. Den Rest formatieren Sie dann manuell.

Eleganter ist es, wenn Sie für Pandoc eine Word-Vorlage, genauer das „Reference.docx“, anpassen. Und in Ihrem Markdown-Text nutzen Sie dann diese Formate.

Wie Sie dies anstellen, zeige ich Ihnen in diesem Beitrag. In einem weiteren Artikel zeige ich Ihnen dann noch, wie Sie diese Formatvorlagen in Scrivener einsetzen.

Diese Voraussetzungen sollten Sie erfüllen

Sie sollten wissen, wie Sie in Word eigene Formatvorlagen für Absätze anlegen. Außerdem gehe ich davon aus, dass Sie Pandoc auf Ihrem Mac als separate Anwendung installiert haben, also nicht auf eine Programmversion setzen, die beispielsweise Teil eines Editors ist.

Das überprüfen Sie am besten in einem Terminal mit which pandoc. Wenn die Antwort des Systems etwa „/usr/local/bin/pandoc“ lautet, ist alles okay.

Der generelle Ablauf

Ich zeige Ihnen:

  1. Wie Sie sich eine Kopie der Datei „reference.docx“ ziehen,
  2. diese bearbeiten,
  3. Pandoc dazu bringen, diese Datei für die Konvertierung zu nutzen und
  4. die Formatvorlagen in Markdown einsetzen.

Reference.docx von Pandoc anpassen

Unmittelbar nach der Installation nutzt Pandoc eine eigene Formatvorlage für die Konvertierung in das Word-Format. Diese ist aber vor Ihrem Zugriff verborgen. Das ist auch gut so. Falls Sie einen gravierenden Fehler beim Aufbau einer eigenen Datei machen, können Sie so immer auf diese interne Lösung ausweichen.

Am einfachsten erreichen Sie eigene Formatvorlagen, wenn Sie auf dieser internen Vorlage aufbauen. Dazu müssen Sie sich diese erst einmal sichern. In einem Terminal geben Sie ein:

pandoc --print-default-data-file reference.docx > ~/custom-reference.docx

Mit diesem Kommando geben Sie den Inhalt der Vorlage aus, die nun in Ihrem Benutzerverzeichnis gespeichert ist.

Die Datei öffnen Sie anschließend in Word und legen dort die Formatvorlagen an, die der Verlag von Ihnen erwartet. Die bereits vorliegenden Absatzformate, z.B. „First Paragraph“ lassen Sie am besten in Ruhe. Pandoc ignoriert übrigens den eigentlichen Textinhalt in der Datei. Wichtig sind lediglich die Formate. Die Datei speichern Sie unter dem Namen „reference.docx“.

Diese kopieren Sie in das versteckte Verzeichnis Users\NUTZERNAME\.pandoc. Sie müssen sich im Finder also versteckte Dateien anzeigen lassen.

Pandoc ist beim Konvertieren in das Word-Format so gebaut, dass Sie beim Konvertieren eine Vorlagendatei angeben können. Fehlt diese Angabe, schaut Pandoc in diesem Datenverzeichnis nach. Befindet sich darin die „reference.docx“ wird diese verwendet. Fehlt sie, greift Pandoc auf die interne Vorlage zurück. Sofern es also beim Kompilieren einen Fehler gibt, können Sie die Datei einfach wieder aus dem Pandoc-Datenverzeichnis löschen.

Die Absatzformate aus Word in Markdown verwenden

Die größte Arbeit liegt hinter Ihnen. Sie haben eine Vorlage für Pandoc geschaffen, die bereits die neuen Absatzformate kennt. Jetzt müssen Sie diese nur noch in Ihrem Markdown-Text verwenden. Da dies auf die Dauer mit etwas mehr Schreibarbeit verbunden ist, nutzen Sie am besten ein Tool wie Textexpander oder PhraseExpress.

Lautet der Name einer Vorlage in Word beispielsweise „PCWFliesstext“, dann markieren Sie einen solchen Absatz in Markdown so:

::: {custom-style=“PCWFliesstext“}
Hier steht dann Ihr Text.
:::

Wichtig ist nur, dass Sie den Namen der Vorlage genauso schreiben, wie er in der Vorlage in Word vorkommt. Beim nächsten Kompilieren der Datei werden dann Ihre individuellen Stile verwendet.

Mein Lektürejahr 2019

Trotz der guten Auftragslage in diesem Jahr habe ich doch noch reichlich Zeit für Lektüre gefunden. Folgende Bücher habe ich neu bzw. wiedergelesen.

Erneut gelesen:

  • Theodor Fontane: Effi Briest
  • Rudolf Lorenzen: Eine Art Held
  • Thomas Mann: Der Zauberberg
  • Thomas Mann: Buddenbrooks
  • Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Neue Lektüre:

  • Morten Brask: Das perfekte Leben des Wiliam Sidis
  • Theodor Fontane: Die Poggenpuhls
  • Theodor Fontane: Unwiederbringlich
  • Theodor Fontane: Meine Kinderjahre
  • Theodor Fontane: Mathilde Möhring
  • Jonathan Franzen: Freiheit
  • Ian Kershaw: Hitler
  • Tilmann Lahme: Golo Mann
  • Bernard MacLaverty: Schnee in Amsterdam
  • Arthur Miller: Fokus
  • Alexander Münninghoff
  • Paul Sahner: Karl
  • Susanne Schattenberg: Leonid Breschnew
  • George Simenon: Maigrets Jugendfreund
  • George Simenon: Maigret zögert
  • George Simenon: Maigret stellt eine Falle
  • George Simenon: Maigrets Nacht an der Kreuzung
  • George Simenon: Maigrets Memoiren
  • George Simenon: Mein Freund Maigret
  • George Simenon: Maigret und sein Toter
  • George Simenon: Maigret im Haus des Richters
  • George Simenon: Maigret bei den Flamen
  • George Simenon: Das blaue Zimmer
  • George Simenon: Striptease
  • George Simenon: Der Uhrmacher von Everton
  • George Simenon: Der Schnee war schmutzig
  • George Simenon: Chez Krull
  • George Simenon: Die Schwarze von Panama
  • George Simenon: Die Pitards
  • George Simenon: Das Haus am Kanal
  • Gabriele Tergit: Etwas Seltenes überhaupt
  • Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm
  • Gabriele Tergit: Effingers

Dinge, die funktionieren: Bissel Crosswave Pet Pro

An dieser Stelle stelle ich in loser Folge ein paar Geräte und Dinge vor, die ich gern zur Hand nehme, die ihre Aufgabe perfekt erledigen oder mich mit ihrem Design begeistern. Den Anfang macht der Crosswave Pet Pro von Bissel. Das Gerät ist ein Bodenreiniger. Wenn ich ihn Wasch- oder Nasssauger nennen würde, wäre das schlicht falsch. Dazu gleich mehr. Wenn Ihnen Hersteller Bissel nicht auf Anhieb etwas sagt: In den USA hat das 1876 gegründete Unternehmen einen Marktanteil von 20 Prozent, ist somit kein Newcomer.

Was kann der Bissel Crosswave Pet Pro?

Der Bissel wird teilweise als Waschsauger bezeichnet. Da habe ich ein anderes Produktverständnis. Bei solchen Saugern und Teppichreinigungssystemen, die es leihweise im Baumarkt gibt, wird ja meist nur frisches Wasser auf den Untergrund gesprüht, das dann wieder vom Gerät eingesaugt wird. Der Bissel ist dagegen aus meiner Sicht treffender als Bodenreiniger beschrieben. Seine motorgetriebene Rolle wischt unter Zugabe von Reinigungsmittel und Wasser den Boden, dabei wird nicht nur das schmutzige Wasser, sondern zusätzlich loser Schmutz aufgesaugt. Sofern keine neue Reinigungslösung darauf gesprüht wird, trocknet die Bürste beim Wischen den Boden. Der Bissel saugt, wischt und trocknet in einem Arbeitsgang.

Der Lieferumfang

Der Karton enthält das zerlegte Gerät, die Basisstation, eine Flasche Reiniger für verschiedene Oberflächen sowie zwei kurze Anleitungen. Diese kommen mit erstaunlich wenig Text aus. Stattdessen weisen Piktogramme den Weg durch den Zusammenbau und die tägliche Arbeit. 
Der Bissel zusammengebaut in der Aufbewahrungsstation.
Der Zusammenbau ist in ein paar Augenblicken erledigt. Handgriff mit Steuerung in Motorblock einklicken, motorisierte Bürste mit dem Motorblock verbinden. Das war es schon.

So arbeitet es sich mit dem Bodenreiniger

Bevor es mit der Reinigung losgeht, muss das Gerät erst einmal vorbereitet werden. Dazu wird der Frischwassertank mit warmen Wasser gefüllt. Möglich, wenn auch vom Hersteller nicht empfohlen, ist der Betrieb ohne die Zugabe von Bodenreiniger. Damit habe ich keine so guten Erfahrungen gemacht. Also lieber Reinigungsmittel verwenden! Je nach Fläche, die zu wischen ist, füllt man das Wasser bis zur Markierung ein und ergänzt dann mit dem Konzentrat. Danach wird der Tank zugeschraubt und in das Gerät eingeklickt.  Anschließend geht es los. Über die Bedientasten am Griff wählen Sie zwischen Hartböden und Teppich. Damit wird der Bissel eingeschaltet. Falls Sie eine Produktpräsentation im Video sehen: Da wurden die Mikrofone auf jeden Fall heruntergeregelt. Der Bissel ist deutlich hörbar. Nachdem Start drücken Sie einen Wippschalter für einige Sekunden. Darüber steuern Sie die Düse, die die Reinigungsbürste mit dem Frischwasser benetzt. Danach bewegen Sie das Gerät wie jeden anderen Staubsauger über die zu reinigende Fläche. Durch den Wippschalter regulieren Sie, wie nass der Boden beim Wischen wird. Das erfordert ein paar Minuten Erfahrung, um die richtige Menge herauszufinden. Ich empfehle, die ersten Meter auf klassischen Fliesen zu üben. 
Über die Schalter am Handgriff wird zwischen den beiden Betriebsarten umgestellt.
Holzböden und Laminat reinigen Sie ebenfalls in einem Arbeitsgang. Da die Bürste durch das Saugen rasch trocknet, ist das eigentliche Wischen dann tatsächlich nebelfeucht, so wie es für Laminat eben sein soll. Schmutzwasser und eingesaugter Dreck landen in einem entsprechenden Tank. Das Netzkabel ist lang genug, um einen ordentlichen Aktionsradius zu ermöglichen. Wenn Sie die Arbeit unterbrechen, rasten Sie den Motorblock über dem Standfuß ein. Zum Lieferumfang gehört eine Arbeitsstation, die nicht nur zur Aufbewahrung dient. Mit einem Messbecher gießen Sie sauberes Wasser in die Station, schalten den Bissel ein, die Bürsten rotieren im Wasser, das sofort eingesaugt wird. So reinigt sich die Rolle selbsttätig. Nach Beendigung der Arbeit entfernen Sie den Schmutzwassertank, entleeren ihn und spülen ihn mit klarem Wasser. Danach wird die Bürste entnommen, dazu genügen zwei Tastendrücke. Auf der Station wird sie zum Trocknen geparkt. Klingt einfach? Ist es auch!
Nach der Arbeit wird die Bürste herausgenommen und zum Trocknen in der Arbeitsstation geparkt.

Reinigt perfekt

Der Bissel würde nicht an dieser Stelle auftauchen, wenn ich davon nicht angetan wäre. Das Gerät macht, was es verspricht. Es wischt, saugt und trocknet in einem Arbeitsgang. Der Boden ist nach kürzester Zeit begehbar und die Hände landen nicht im Schmutzwasser. Da der Bissel gleichzeitig saugt, spart er Zeit. Eine Einschränkung gibt es aus meiner Sicht. Wenn Sie feinen Sand aus den Schuhen auf Parkett oder Laminat liegen haben, würde ich doch vorher konventionell mit einer Parkettdüse saugen. Bei der Geschwindigkeit der Bürste des Bissels besteht die Befürchtung, dass der Boden zerkratzt. Mit dem Bissel können Sie auch über Teppiche oder Schmutzfangmatten gehen. Dazu wählen Sie nur das entsprechende Programm. 

Bissel Pet Pro oder Crosswave?

Den Crosswave von Bissel gibt es aktuell in zwei Varianten. Der Pet Pro ist teurer, aber was ist sonst der Unterschied? Technisch bedingt gibt es einen schmalen Rand zwischen Wand und gereinigter Bodenfläche. Die Bürste muss ja von irgendetwas gehalten werden. Dieser Rand wurde gegenüber dem einfachen Crosswave verkleinert.  Dem Pet Pro wird eine Reinigungslösung mit Febreze-Duft beigelegt. Das soll, nun ja, Haustiergerüche überdecken. Der Duft ist angenehm frisch und nicht aufdringlich. Wichtigster Unterschied ist der Grobschmutzfilter im Schmutzwassertank, der zuverlässig die Haare unseres Hundes aus dem Wasser fischt. So gibt es nach dem Entleeren des Schmutzwassertanks keine Verstopfung in den Rohrleitungen. Fazit: Ich habe schon eine Weile mit mir gerungen, bis ich den Crosswave Pet Pro gekauft habe. Aber ich würde es jederzeit wieder tun. Er reinigt perfekt, spart Zeit, ist durchdacht und gegenüber dem klassischen Wischen eine echte Erleichterung.

Rechthaberei galore: Wie LogPay unberechtigt mein Konto sperrte

Kennen Sie die Firma LogPay? Nein? Vielleicht doch, nämlich dann, wenn Sie beispielsweise die Ticket-Apps der BVG oder des HVV benutzen. Und die Firma scheint alles, nur nicht besonders kundenorientiert zu sein. Wie ich drauf komme?

In der vergangenen Woche wollte ich mit meiner HVV-App einen Fahrschein kaufen. Das hat in den vergangenen Jahren hervorragend geklappt. Nur leider an diesem Tag nicht. Das System meldete mir, mein Konto sei gesperrt. Leider stand da nicht dabei, um welches Konto es sich handelt. Also habe ich mich zunächst an den HVV gewendet. Dieses Konto war es aber nicht. Aber die netten Mitarbeiter teilten mir binnen kurzer Zeit mit, dass es eine Kontosperre bei der Firma LogPay gäbe. Das ist der Finanzdienstleister für das Forderungsmanagement.

Ich habe mich also an die Firma gewendet. Und tue es inzwischen seit acht E-Mails. LogPay teilte mir mit, dass ich 8 Fahrscheine erworben hätte, die aber nicht bezahlt wurden. Außerdem wäre ich auch angemahnt worden. Hätte aber den offenen Betrag nicht beglichen.

Im deutlichen Tonfall „Wir haben recht, Du bist ein Betrüger“ habe ich dann heute den Sachverhalt gänzlich auf dem Tisch.

1. Es geht um Tickets, die ich im BVG erworben haben soll. Allerdings war ich im genannten Zeitraum nicht in Berlin. Laut meinen Kontoauszügen habe ich sogar an zwei der Tage hier in Ahrensburg bei meiner Bank Geld abgehoben. Klar. Ich kann in Berlin gewesen sein und am gleichen Tag hier zu Hause. Soweit ist das ja nicht entfernt. Allerdings tauchen die Fahrscheine, wie könnten sie auch, nicht in der BVG-App auf meinem Smartphone auf.

2. Die Mahnungen sind an eine mir nicht bekannte E-Mail-Adresse gegangen. Jetzt wird es schon interessanter. Beim HVV loggt man sich per Mailadresse ein. Und auch in der Kommunikation mit LogPay nutze ich die gleiche. In der BVG-App per Mobilnummer und PIN, die initial an diese Nummer gesendet wird. Aber wahrscheinlich unterstellen die Rechthaber bei LogPay dann noch, dass ich im Besitz mehrerer Mobilnummern bin. Was ich übrigens nicht bin.

3. Nicht abgebucht werden konnte von einem mir ebenfalls nicht bekannten Konto. Dass die Buchung platzte, ist bei Betrügern eher die Regel. Aber für LogPay handelt es sich ganz offenbar unzweifelhaft um eines meiner Konten. Zumindest stellen sie eine Verbindung zwischen meinem Account und dem des Betrügers her.

Die Frage ist nur, basierend auf welchen Erkenntnissen? Postalische Adresse, die aus jedem Impressum herausgelesen werden kann? Oder nur aus dem Namen?

Ich habe jetzt vorsichtig beim Kundendienst die Frage aufgeworfen, was sie eigentlich so sicher macht, keinem Betrüger aufgesessen zu sein. Ich bin auf die Antwort gespannt.

Das Front in Hamburg — für immer ein magischer Ort

Hamburg, 1985: Mit dem Jahr verbinde ich eine Menge. Musikalisch aber indes erst mal nichts. Im Jahr zuvor hatte meine Lieblingsband (immer noch) Depeche Mode künstlerisch einen großen Schritt nach vorn gemacht. „Some Great Reward“ hieß das Album, das mich mit seiner düsteren Art faszinierte. Und nur noch vom Nachfolger „Black Celebration“ übertroffen wurde, welches die Düsternis tiefschwarz färbte, mit gelegentlichen Farbnuancen, die wie Neonfarbe eines Graffiti wirkten. Aber das wollte ich gar nicht erzählen.

Hamburg, 1985: Es war ein typischer hanseatischer Herbstabend. Es war also reichlich kühl, es war reichlich windig und es nieselte. Streng genommen war es das, was man auch als arschkalt bezeichnen konnte. Aber das merkte ich nicht so richtig.

Ich stand in der Dunkelheit eines Freitagabends in einer Schlange wartender Menschen. Mein Herz klopfte bis zum Hals und in meinen Ohren rauschte es, so aufgeregt war ich.

Alle paar Sekunden sagte die innere Stimme „Komm, geh einfach. Das klappt sowieso nicht“.

Noch gefühlt 6 Leute vor mir.

„Und selbst wenn es klappt, was dann?“

Ja, was dann eigentlich? Ich hatte nur gehört, dass diese Disco etwas ganz Besonderes sein sollte. Etwas Spezielles. Verruchtes…

Noch 3 Leute.

Jetzt hätte man mein Herz wahrscheinlich durch das Shirt schlagen sehen können. Doch noch gehen? Wieder 25 Minuten mit der Bahn zurück in den Vorort?

Zu spät.

Das Wunder geschah. Ein mürrisch aussehender Türsteher, der in seiner Kluft einem Comic von Ralf König entsprungen sein konnte, hatte signalisiert, ich durfte weiter.

Der eher blasse, schmächtige (ja war ich damals) Junge aus der Provinz betrat das damals schon legendäre Front.

Ziemlich unsicher machte ich die ersten Schritte in eine neue Welt. So muss sich Armstrong auf dem Mond gefühlt haben. Bei mir lag es nicht an der mangelnden Schwerkraft, mehr an den weichen Knien. Und einem fassungslosen Staunen darüber, dass das doch ziemlich einfach war.

Langsam durchatmen. Cool wirken.

„Wer hat Dich denn reingelassen? Du bist doch nie im Leben 18, oder?“

Die strenge Stimme gehörte Willy. Aber den Namen kannte ich damals noch nicht. Willy Prange hatte mit seinem Freund Philip den Tanztempel eröffnet. Auch Willy hätte ohne Weiteres Ralf König für einen seiner Knollennasencharaktere Modell sitzen können. Seine Worte zeigten aber die gewünschte Reaktion.

Wenn Sie jemals vor Verlegenheit errötet sind, dann wissen Sie, wie sich das anfühlt, wenn die Wangen straff und warm werden.

Tatsächlich war ich ganz knapp vor dem 17. Geburtstag und sah mich schon auf direktem Wege wieder vor die Tür gesetzt werden. Aber das hatte ja auch so kommen müssen. Scheiße.

„Oh, der kann ja rot werden. Hör mal, ich will keinen Ärger. Wenn was passiert… da kannste dich klein machen.“

Das war bereits das zweite kleine Wunder des Abends. Unter einem hörbaren „aber schöne Haare hat er“ (tatsächlich waren das damals deutlich mehr als heute und sie waren dunkelblond) ging der Typ, der wohl was zu sagen hatte, von dannen.

Ich war drin. Ich durfte bleiben. Unfassbar.

Unfassbar klein war die eigentliche Tanzfläche, auf der sich verschwitzte Leiber zur Musik bewegten. Das hatte nichts mit Posing zu tun. Hier ging man hin, um zu tanzen.

Falsch, um zu leben. Hedonistisch, gierig auf das Leben. Die Atmosphäre des Ladens war aufgeladen. Von Lebenslust, dem Geruch nach Schweiß, mir unbekannten chemischen Substanzen, Sex.

Kennen Sie die Szene aus einem der Matrixfilme, als die freien Menschen von Zion sich in der Nacht in Erwartung der Maschinen in Ekstase tanzen? Genau wie das Front. Nur ohne Maschinen. Und an diesem Abend ohne Frauen.

Allein und miteinander tanzten Jungs und junge Männer mit verschwitzen Frisuren, die aber mal geföhnt und mit viel Haarspray gebändigt worden waren. Eher schlicht, aber schick im Stil der 80er gekleidet. Und dann waren dann die zahlreichen „gestandenen“ Kerle. Mit den unvermeidlichen Schnäuzern und in viel Leder.

Die Lust auf das Leben und die Musik vereinten sie. Sie schrien, sie tanzten, sie lebten.

Und ich hatte das Gefühl, genau hier will ich sein. Hier bin ich richtig.

Und diese Musik. Sie war wuchtig, sie trieb dazu an, sich zu bewegen. Sie vermittelte den Eindruck, als sei das alles ein überlanges Stück. Rhythmen und Bässe nahmen kein Ende. Und es war laut. Richtig laut. Dafür sorgte die für die Größe der Location doch recht großzügig bemessene Lautsprecheranlage. Ab und an meinte ich auch mal einen Titel aus meiner eigenen Plattensammlung zu erkennen, aber dann wieder auch nicht.

Das man so etwas mit den Platten machen konnte… wieder so etwas, was den Jungen aus der Provinz zum Staunen brachte.

Die karge Ausstattung der Räume, das Fehlen von Chi-Chi oder die eher spärlichen Lichteffekte — davon haben so viele Berichte erzählt. Auch, dass Jungs und Männer nicht nur die Lust am Leben vereinte, sondern dass auch häufig Vereinigungen noch vor Ort folgten, was das Entleeren der Blase auf dem Örtchen manchmal kompliziert machte. Das erspare ich mir an dieser Stelle.

Für zwei Jahre wurde das Front für mich zu einem magischen Ort. Schon die Fahrt in diesen toten Stadtteil wurde zum Ritual.

Tanzen, trinken, sich unendlich lebendig fühlen. Sich so geben, wie man sich fühlt. Damals verstand ich zum ersten Mal, wie sich „Heimat“ anfühlt.

Das von Willy gezeigte Versteck brauchte ich an diesem Abend übrigens nicht.

Danach war es aber schon ganz gut, zu wissen, wo es war. Schließlich habe ich meiner Mutter jede Woche eine andere Geschichte erzählt, wo ich denn wäre. Durch die „Zuführung“ Ihres Sohnes mitten in der Nacht der Lüge überführt zu werden. Das wäre mir doch unangenehm gewesen.

Mitte 1990 war ich dann nochmals da. Aber das fühlte sich nicht mehr richtig an. Eher wie die Begegnung mit einem Ex-Partner, mit dem einen nichts mehr verbindet.

Das Front — es gab in meinem Leben nie wieder einen Ort, an dem ich mich so aufgehoben und, ja, sicher gefühlt habe, wie dort.

Und wenn ich heute durch den Heidenkampsweg komme, werde ich immer noch sentimental.