{"id":3831,"date":"2026-01-10T21:50:22","date_gmt":"2026-01-10T19:50:22","guid":{"rendered":"https:\/\/news.lamprecht.net\/?p=3831"},"modified":"2026-01-10T21:54:59","modified_gmt":"2026-01-10T19:54:59","slug":"dieser-ddr-roman-hat-mich-bis-in-die-morgenstunden-wachgehalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/news.lamprecht.net\/index.php\/2026\/01\/10\/dieser-ddr-roman-hat-mich-bis-in-die-morgenstunden-wachgehalten\/","title":{"rendered":"Dieser DDR-Roman hat mich bis in die Morgenstunden wachgehalten"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist schon verdammt lange her, dass mich ein Buch derart in seinen Bann gezogen hat. \u00abZwei, drei blaue Augen\u00bb von Victor Schef\u00e9 ist einer dieser seltenen Pageturner, bei denen man das Licht erst in den fr\u00fchen Morgenstunden ausknipst \u2013 nicht, weil man es sollte, sondern weil man einfach nicht anders kann. Das Buch l\u00e4sst einen nicht los. Punkt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Worum geht\u2019s?<\/h2>\n\n\n\n<p>Victor Schef\u00e9 erz\u00e4hlt in seinem autobiografisch gepr\u00e4gten Deb\u00fctroman die Geschichte von Tassilo, geboren 1967 in Rostock, aufgewachsen in der Enge einer Plattenbausiedlung. Tassilo ist jung, verliebt in Musik und M\u00e4nner \u2013 und will raus. Raus aus der DDR, rein in die Freiheit West-Berlins. Sobald es rechtlich geht, will er den Antrag auf \u00abst\u00e4ndige Ausreise\u00bb stellen. Zwischen Verzweiflung und Euphorie plant er seinen Ausbruch, w\u00e4hrend ihm seine systemtreue Mutter die Kriegserkl\u00e4rung ausspricht: \u00abMutter sagt, sie wird alles daf\u00fcr tun, dass mein Vorhaben nie aufgeht. Ihre Kriegserkl\u00e4rung ist klipp und klar \u2013 nicht nur als Mutter, auch als Genossin.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>1986, mit gerade mal 19 Jahren, schafft Tassilo das scheinbar Unm\u00f6gliche und kommt am Bahnhof Zoo an. Drei Jahre sp\u00e4ter f\u00e4llt die Mauer \u2013 und er macht eine Entdeckung, die sein Leben f\u00fcr immer ver\u00e4ndert. Schef\u00e9 webt seine Geschichte aus Tagebucheintr\u00e4gen, Briefen, Kindheitserinnerungen und Original-Stasi-Akten zu einem atemlosen, energiegeladenen Roman, der sich liest wie ein Brainstorming aus kurzen, pr\u00e4gnanten S\u00e4tzen und Wortneusch\u00f6pfungen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum das Buch nachklingt<\/h2>\n\n\n\n<p>Dieses Buch hat mich ber\u00fchrt. Und es klingt nach. Immer noch. Vielleicht liegt es an der bewundernswerten Geradlinigkeit des Protagonisten, der mit einer fast brutalen Klarheit erkannt hat: In diesem Land, in dieser DDR, kann und werde ich nicht gl\u00fccklich werden. Keine Kompromisse, kein Arrangement. Nur diese eine glasklare Erkenntnis \u2013 und der eiserne Wille, sie durchzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mut, den es braucht, gegen alles anzugehen, ist kaum in Worte zu fassen: gegen das System, gegen die Familie, gegen die eigene Mutter, die ihn bespitzelt und verr\u00e4t. Schef\u00e9 zeigt das nicht in gro\u00dfen dramatischen Gesten, sondern in den kleinen, zerm\u00fcrbenden Details. Eine st\u00e4ndige \u00dcberwachung, regelm\u00e4\u00dfige Verh\u00f6re, Druck von allen Seiten. Seine Mutter ist nicht nur Mutter, sondern eben auch \u00abGenossin\u00bb. Sie wird Teil des Apparats, der ihren eigenen Sohn niederhalten will. Das schmerzt beim Lesen \u2013 und es sollte schmerzen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Queere Erfahrungen in der angeblich liberalen DDR<\/h2>\n\n\n\n<p>Besonders beeindruckt hat mich, wie behutsam und gleichzeitig glaubhaft Schef\u00e9 die ersten queeren Erfahrungen seines Protagonisten schildert. Mit 14 entdeckt Tassilo, dass er auf Jungs steht \u2013 in einem Land, das sich gerne als liberaler inszenierte als der Westen. Die Realit\u00e4t sah anders aus. Schef\u00e9 zeigt durch die geschilderten Repressionen sehr deutlich, wie die DDR wirklich mit Menschen umging, die sich nicht arrangieren wollten oder konnten. Das ist ein wichtiger, notwendiger Kontrapunkt zur verkl\u00e4rt-nostalgischen \u00abOstalgie\u00bb, die heute manchmal durchschimmert. Hier wird nichts sch\u00f6ngeredet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nadelstiche und Mangel<\/h2>\n\n\n\n<p>Wie Nadelstiche wirken die wiederkehrenden Schilderungen der Weihnachtsvorbereitungen. Jahr f\u00fcr Jahr listet Schef\u00e9 auf, was es gerade <em>nicht<\/em> zu kaufen gab. Diese scheinbar banalen Details zeichnen ein eindringlicheres Bild der Mangelwirtschaft als jede theoretische Abhandlung es k\u00f6nnte. Es ist die Banalit\u00e4t des Alltags, die hier ihre ganze Wucht entfaltet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Playlist der 80er<\/h2>\n\n\n\n<p>Und dann ist da noch die Musik. \u00dcberall Musik. \u00abZwei, drei blaue Augen\u00bb ist auch eine wunderbare Playlist der 80er Jahre \u2013 und als queere Person habe ich nat\u00fcrlich \u00abSex Crime\u00bb von den Eurythmics mit ganz anderen Augen gelesen und geh\u00f6rt. Die Musik ist nicht nur Beiwerk, sie ist Sehnsuchtstr\u00e4ger, Fluchthelfer, Verb\u00fcndete. Sie ist der Soundtrack eines Lebens, das sich Freiheit erk\u00e4mpfen musste.<\/p>\n\n\n\n<p>Victor Schef\u00e9 hat mit \u00abZwei, drei blaue Augen\u00bb ein Buch geschrieben, das unter die Haut geht. Energiegeladen, ehrlich, ohne Umschweife. Ein Roman, der nichts gl\u00e4ttet \u2013 und gerade deshalb ber\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon verdammt lange her, dass mich ein Buch derart in seinen Bann gezogen hat. \u00abZwei, drei blaue Augen\u00bb von Victor Schef\u00e9 ist einer dieser seltenen Pageturner, bei denen man das Licht erst in den fr\u00fchen Morgenstunden ausknipst \u2013 nicht, weil man es sollte, sondern weil man einfach nicht anders kann. 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