{"id":3585,"date":"2018-07-06T23:54:32","date_gmt":"2018-07-06T21:54:32","guid":{"rendered":"https:\/\/news.lamprecht.net\/?p=3585"},"modified":"2025-10-02T00:02:22","modified_gmt":"2025-10-01T22:02:22","slug":"das-front-in-hamburg-fuer-immer-ein-magischer-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/news.lamprecht.net\/index.php\/2018\/07\/06\/das-front-in-hamburg-fuer-immer-ein-magischer-ort\/","title":{"rendered":"Das Front in Hamburg \u2014 f\u00fcr immer ein magischer Ort"},"content":{"rendered":"<p class=\"body\" dir=\"auto\">Hamburg, 1985: Mit dem Jahr verbinde ich eine Menge. Musikalisch aber indes erst mal nichts. Im Jahr zuvor hatte meine Lieblingsband (immer noch) Depeche Mode k\u00fcnstlerisch einen gro\u00dfen Schritt nach vorn gemacht. \u201eSome Great Reward\u201c hie\u00df das Album, das mich mit seiner d\u00fcsteren Art faszinierte. Und nur noch vom Nachfolger \u201eBlack Celebration\u201c \u00fcbertroffen wurde, welches die D\u00fcsternis tiefschwarz f\u00e4rbte, mit gelegentlichen Farbnuancen, die wie Neonfarbe eines Graffiti wirkten. Aber das wollte ich gar nicht erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Hamburg, 1985: Es war ein typischer hanseatischer Herbstabend. Es war also reichlich k\u00fchl, es war reichlich windig und es nieselte. Streng genommen war es das, was man auch als arschkalt bezeichnen konnte. Aber das merkte ich nicht so richtig.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Ich stand in der Dunkelheit eines Freitagabends in einer Schlange wartender Menschen. Vor mir eine Treppe, die irgendwo runterf\u00fchrte.Mein Herz klopfte bis zum Hals und in meinen Ohren rauschte es, so aufgeregt war ich.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Alle paar Sekunden sagte die innere Stimme \u201eKomm, geh einfach. Das klappt sowieso nicht\u201c.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Noch gef\u00fchlt 6 Leute vor mir.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">\u201eUnd selbst wenn es klappt, was dann?\u201c<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Ja, was dann eigentlich? Ich hatte nur geh\u00f6rt, dass diese Disco etwas ganz Besonderes sein sollte. Etwas Spezielles. Verruchtes&#8230;<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Noch 3 Leute.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Jetzt h\u00e4tte man mein Herz wahrscheinlich durch das Shirt schlagen sehen k\u00f6nnen. Doch noch gehen? Wieder 25 Minuten mit der Bahn zur\u00fcck in den Vorort?<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Das Wunder geschah. Ein T\u00fcrsteher, der in seiner Kluft einem Comic von Ralf K\u00f6nig entsprungen sein konnte, hatte signalisiert, ich durfte weiter.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Der Junge aus der Provinz betrat das damals schon legend\u00e4re Front.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Ziemlich unsicher machte ich die ersten Schritte in eine neue Welt. So muss sich Armstrong auf dem Mond gef\u00fchlt haben. Bei mir lag es nicht an der mangelnden Schwerkraft, mehr an den weichen Knien. Und einem fassungslosen Staunen dar\u00fcber, dass das doch ziemlich einfach war.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Langsam durchatmen. Cool wirken.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">\u201eWer hat Dich denn reingelassen? Du bist doch nie im Leben 18, oder?\u201c<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Die strenge Stimme geh\u00f6rte Willy. Aber den Namen kannte ich damals noch nicht. Willy Prange hatte mit seinem Freund Philip den Tanztempel er\u00f6ffnet. Auch Willy h\u00e4tte ohne Weiteres Ralf K\u00f6nig f\u00fcr einen seiner Knollennasencharaktere Modell sitzen k\u00f6nnen. Seine Worte zeigten aber die gew\u00fcnschte Reaktion.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Wenn Sie jemals vor Verlegenheit err\u00f6tet sind, dann wissen Sie, wie sich das anf\u00fchlt, wenn die Wangen straff und warm werden.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Tats\u00e4chlich war ich ganz knapp vor dem 17. Geburtstag und sah mich schon auf direktem Wege wieder vor die T\u00fcr gesetzt werden. Aber das hatte ja auch so kommen m\u00fcssen. Schei\u00dfe.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">\u201eOh, der kann ja rot werden. H\u00f6r mal, ich will keinen \u00c4rger. Wenn was passiert&#8230; da kannste dich klein machen.\u201c<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Das war bereits das zweite kleine Wunder des Abends. Unter einem h\u00f6rbaren \u201eaber sch\u00f6ne Haare hat er\u201c (tats\u00e4chlich waren das damals deutlich mehr als heute und sie waren dunkelblond) ging der Typ, der wohl was zu sagen hatte, von dannen.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Ich war drin. Ich durfte bleiben. Unfassbar.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Unfassbar klein war die eigentliche Tanzfl\u00e4che, auf der sich verschwitzte Leiber zur Musik bewegten. Das hatte nichts mit Posing zu tun. Hier ging man hin, um zu tanzen.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Falsch, um zu leben. Hedonistisch, gierig auf das Leben. Die Atmosph\u00e4re des Ladens war aufgeladen. Von Lebenslust, dem Geruch nach Schwei\u00df, mir unbekannten chemischen Substanzen, Sex.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Kennen Sie die Szene aus einem der Matrixfilme, als die freien Menschen von Zion sich in der Nacht in Erwartung der Maschinen in Ekstase tanzen? Genau wie das Front. Nur ohne Maschinen. Und an diesem Abend ohne Frauen.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Allein und miteinander tanzten Jungs und junge M\u00e4nner mit verschwitzen Frisuren, die aber mal gef\u00f6hnt und mit viel Haarspray geb\u00e4ndigt worden waren. Eher schlicht, aber schick im Stil der 80er gekleidet. Und dann waren dann die zahlreichen \u201egestandenen\u201c Kerle. Mit den unvermeidlichen Schn\u00e4uzern und in viel Leder.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Die Lust auf das Leben und die Musik vereinten sie. Sie schrien, sie tanzten, sie lebten.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Und ich hatte das Gef\u00fchl, genau hier will ich sein. Hier bin ich richtig.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Und diese Musik. Sie war wuchtig, sie trieb dazu an, sich zu bewegen. Sie vermittelte den Eindruck, als sei das alles ein \u00fcberlanges St\u00fcck. Rhythmen und B\u00e4sse nahmen kein Ende. Und es war laut. Richtig laut. Daf\u00fcr sorgte die f\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe der Location doch recht gro\u00dfz\u00fcgig bemessene Lautsprecheranlage. Ab und an meinte ich auch mal einen Titel aus meiner eigenen Plattensammlung zu erkennen, aber dann wieder auch nicht.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Das man so etwas mit den Platten machen konnte\u2026 wieder so etwas, was den Jungen aus der Provinz zum Staunen brachte.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Die karge Ausstattung der R\u00e4ume, das Fehlen von Chi-Chi oder die eher sp\u00e4rlichen Lichteffekte \u2014 davon haben so viele Berichte erz\u00e4hlt. Auch, dass Jungs und M\u00e4nner nicht nur die Lust am Leben vereinte, sondern dass auch h\u00e4ufig Vereinigungen noch vor Ort folgten, was das Entleeren der Blase auf dem \u00d6rtchen manchmal kompliziert machte. Das erspare ich mir an dieser Stelle.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">F\u00fcr zwei Jahre wurde das Front f\u00fcr mich zu einem magischen Ort. Schon die Fahrt in diesen toten Stadtteil wurde zum Ritual.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Tanzen, trinken, sich unendlich lebendig f\u00fchlen. Sich so geben, wie man sich f\u00fchlt. Damals verstand ich zum ersten Mal, wie sich \u201eHeimat\u201c anf\u00fchlt.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Das von Willy gezeigte Versteck brauchte ich an diesem Abend \u00fcbrigens nicht.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Danach war es aber schon ganz gut, zu wissen, wo es war. Schlie\u00dflich habe ich meiner Mutter jede Woche eine andere Geschichte erz\u00e4hlt, wo ich denn w\u00e4re. Durch die \u201eZuf\u00fchrung\u201c Ihres Sohnes mitten in der Nacht der L\u00fcge \u00fcberf\u00fchrt zu werden. Das w\u00e4re mir doch unangenehm gewesen.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Mitte 1990 war ich dann nochmals da. Aber das f\u00fchlte sich nicht mehr richtig an. Eher wie die Begegnung mit einem Ex-Partner, mit dem einen nichts mehr verbindet.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Das Front \u2014 es gab in meinem Leben nie wieder einen Ort, an dem ich mich so aufgehoben und, ja, sicher gef\u00fchlt habe, wie dort.<\/p>\n<p class=\"body\" dir=\"auto\">Und wenn ich heute durch den Heidenkampsweg komme, werde ich immer noch sentimental.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hamburg, 1985: Mit dem Jahr verbinde ich eine Menge. Musikalisch aber indes erst mal nichts. Im Jahr zuvor hatte meine Lieblingsband (immer noch) Depeche Mode k\u00fcnstlerisch einen gro\u00dfen Schritt nach vorn gemacht. \u201eSome Great Reward\u201c hie\u00df das Album, das mich mit seiner d\u00fcsteren Art faszinierte. 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