Das Gesabbel vom nächsten Schritt und die Hamburg Freezers (23.1.2015)

»Neue Besen kehren gut« – diesen Ausspruch kennt wohl jeder. Bei den Hamburg Freezers ist (war) der neuer Besen in diesem Sinne Co-Trainer Serge Aubin, der den erfolglosen Benoit Laporte beerben durfte bzw. musste. Nicht nur die Fans, sondern auch Sponsoren und vor allen Dingen der sportliche Direktor Stéphane Richer verloren mit Laporte die Geduld. Richer war im Sommer der Königtransfer gelungen, Top-Scorer Kevin Clark an die Elbe zu lotsen. Kein preiswertes Unterfangen. Nur kam besagter Clark mit dem System Laporte nicht sonderlich gut zurecht.

In der Liga selbst (bzw. bei den Anhängern einiger Clubs) sind die Freezers immer noch der »Retortenclub«, der am unermesslichen Tropf der Anschutz-Gruppe hängt und unbegrenzt Geld zur Verfügung hat. Tatsächlich ist der Spieleretat eher im Mittelfeld angesiedelt. Wobei es da in DEL ohnehin schon recht eng zugeht, Ausnahmen wie Red Bull und Mannheim einmal unbetrachtet.

Da man sich mit Dimitri Kotschnew und Sébastien Caron den Luxus eines recht teuren Goalie-Duos leistet (warum Kotschnew als Nummer zwei eigentlich zu teuer ist, steht in diesem sehr lesenswerten Artikel ), muss dann an anderen Stellen des Etats gespart werden. Deutlich preiswerter arbeiten zum Beispiel die beiden Spieler Pohl und Sertich. Zu preiswert, wie sich herausstellen wird. Mit Fug und Recht dürfen beide als Totalausfälle bezeichnet werden.

Sertich kommt nicht im Ansatz an seine Leistungen in Iserlohn heran. In Patrick Pohl hat wohl nur die sportliche Leitung etwas gesehen, was gar nicht da ist.

Mit spitzem Bleistift wurde ein kleiner Kader zusammengestellt. Ein Kader, der eigentlich nur dann ausreicht, wenn tatsächlich auch alle Spieler fit sind und Leistung erbringen.

Die Sache mit den Verletzten

Leider mussten sich die Freezers seit Beginn der Saison mit verletzten Spielern herumschlagen. Teilweise bereits seit der Saisonvorbereitung. So stand ein Frederick Cabana (der allerdings schon unter Laporte nicht glänzen konnte) faktisch nie auf dem Eis. Es hagelte Finger- und Gelenkbrüche und ausgekugelte Gelenke. Von Seuche und Pech ist und war die Rede. Benoit Laporte stand bereits seit den ersten Spielen kein vollständiger Kader zur Verfügung. Dies gilt auch für Aubin.

Allerdings müssen sich die Freezers auch die Kritik gefallen lassen, sich in das Abenteuer der CHL eingelassen zu haben. Statt die Reihen sich erst einmal in Spielen gegen so genannte »Aufbaugegner« finden zu lassen, wurde gegen europäische Top-Teams gespielt. Denen man sportlich aber so gar nicht das Wasser reichen konnte.

Das Ergebnis. Eine angeschlagene Psyche und ein immer ruhiger werdender Coach, insbesondere als sich der Negativtrend dann auch in den ersten Wochen der DEL-Saison fortsetzte. Laporte forderte ein Durchhalten, sah sich aber nicht in der Lage, die Spielstrategie der Personalnot und dem neuen Regelwerk anzupassen.
Die Freezers zogen die Notbremse und beurlaubten ihren Chefcoach.

Der Impuls des neuen Trainers …

Die Verpflichtung von Serge Aubin kam dann doch einigermaßen überraschend. Denn weitergehende Erfahrungen in seinem Metier konnte der neue Coach nicht vorweisen. Es mangelt noch an der formalen Qualifikation, die aber nachgeholt werden soll. Der Personalwechsel fruchtete indes.

Wohl keine Mannschaft dürfte auf dem Standpunkt beharren, alles richtig gemacht zu haben, wenn die Spitze ausgetauscht wird. Es wurde mehr gekämpft, das kritisierte Powerplay zeigte plötzlich Erfolge und eine kleine Straße an Siegen begann. Vom Tabellenende kämpften sich die Freezers bis unter die ersten drei. Eine beachtliche Leistung.

Nachhaltig oder Impuls – das ist und war die spannende Frage. Die Ergebnisse seit dem Jahreswechsel lassen vermuten, dass es sich eher um einen Impuls gehandelt hat.

Willkommen auf dem Boden der Tatsachen

Wer sich einmal die Statistiken durchaus erfolgreicher Trainer ansieht, stellt rasch fest, dass sich die Bilanz aus Sieg und Niederlagen im arithmetischen Mittel von 50 zu 50 bewegt. Es ist eine Gesetzmäßigkeit, dass auch Aubin Niederlagen (auch in Serie) erleben muss. Allerdings gab es eine Reihe von Vorschusslorbeeren für den neuen Trainer. Einerseits betonte Sportchef Richer in öffentlichen Stellungnahmen früh, dass es Aubin gelungen sei, der Mannschaft ihre Identität wiederzugeben. Und vor wenigen Tagen wurde der Vertrag mit dem Headcoach dann verlängert, mit der durchaus beachtenswerten Begründung, dass ihm die Zukunft gehöre.

Umso mehr, als ich derzeit keine wesentlichen Veränderungen gegenüber seinem Vorgänger ausmachen kann, außer der von den Spielern stets betonten Rückkehr von »Spaß auf dem Eis«.

Fehlende Disziplin und Cleverness

Machen Sie sich doch einmal die Mühe, und lesen Sie in Ruhe die Vorberichte der vergangenen Spiele. Sie werden häufig genug die Aussage finden, dass diszipliniert gespielt werden müsse. Dass gerade bei einem kleinen Kader es enorm wichtig sei, dass man von der Strafbank fernbleibt.

Und dann sehen Sie sich die nackten Zahlen an. Es lässt sich nicht weg diskutieren. Es mangelt an Disziplin.

Sie rennen offene Türen bei mir ein, wenn Sie betonen, dass die DEL ein Schiedsrichterproblem hat. Aber das hat sie nicht seit gestern. Und vor der Herausforderung stehen auch alle anderen Teams.

So spektakulär ein Faustkampf auch ist. Er muss nicht sein. So sehr es Christoph Schubert auch reizt, einen krachenden Check zu landen. In eigener Über- oder gar Unterzahl muss der nicht sein. Hier klappt anscheinend etwas nicht in der Kommunikation zwischen Trainer und Mannschaft.

Ständige Unterzahl ermüdet. Noch dazu, wenn Spieler fehlen und die heiße Phase der Saison beginnt, wo extrem viele Spiele in kürzester Zeit folgen. Hier müsse man »clever spielen«. Und wenn sich die Mannschaft an sein System halte, könnte sie Kraft sparen. So Aubin in einem Vorbericht.

Auch hier scheint es noch Koordinationsschwierigkeiten zwischen Trainer und Mannschaft zu geben. Denn diese clevere Spielweise haben die Männer um Kapitän Schubert noch nicht gezeigt. Viel Laufarbeit, mit zum Schluss wenig Ertrag. Spätestens Ende des zweiten Drittels geht dann die Puste aus. Kein Wunder bei ständiger Unterzahl und vielen Scheibenverlusten, die dann durch Laufarbeit wieder eingefangen werden muss.

Eine wirklich alte Weisheit des Eishockeys besagt, dass die Wahrscheinlichkeit für ein Tor steigt, wenn die Scheibe möglichst häufig und einfach vor den gegnerischen Kasten gebracht wird. Hier muss leider eine deutliche Tendenz zum Schönspielen attestiert werden. Sieht oft gut aus, es mangelt aber an Ertrag. Inzwischen auch vereinzelt an Selbstvertrauen. Kevin Schmidt, Ende der vergangenen Saison noch als Kandidat für die Nationalmannschaft gehandelt, läuft seit Monaten dieser Form hinterher.
All das zusammengenommen, ist es nicht verwunderlich, dass die alte Heimstärke der Freezers inzwischen futsch ist. Im vergangenen Jahr hoffte man auf eine Platzierung unter den ersten vier, um das wichtige Heimrecht zu erhalten. In dieser Saison spielt das eigentlich keine Rolle mehr.

Trotzige Torhüterrotation

Serge Aubin hält an der aus meiner Sicht unerklärlichen Torhüter-Rotation fest. Trainer und Torhüter betonen ständig, dass sie mit dem Thema professionell umgehen.
Allerdings wollen Spieler natürlich Eiszeit bekommen. Und der Wechsel kann auch als mangelndes Vertrauen verstanden werden. Die Verteidiger müssen sich von Partie zu Partie umstellen. Ob das tatsächlich zur Ruhe und zu einer konstanten Spielweise beiträgt, wage ich persönlich zu bezweifeln.

Ob es nun an dem permanenten Wechsel liegt, vermag natürlich niemand verlässlich zu sagen. Fakt ist aber, dass sowohl Kotschnew als auch Caron extrem schwankende Leistungen erbringen und Spiele zu selten festhalten. An beide haben sich die Freezers aber vertraglich langfristig gebunden.

Es ist schon Ironie, dass der in Hamburg gescholtene Niklas Treutle derzeit statistisch der beste Torhüter der Liga ist. Seine Anlagen waren bereits in Hamburg zu erkennen, aber hier musste er dann Caron weichen.

Die Sache mit den neuen Besen… Sie erinnern sich. Apropos. Bei den anderen DEL-Vereinen leistet man sich den Luxus des ständigen Wechsels weniger.

Wann liefern die Führungsspieler etwas ab?

Seit dem Jahreswechsel haben die Hamburg Freezers lediglich eine Partie (knapp) gewonnen. Eine streng genommen nicht bessere Bilanz als in den Tagen Benoit Laportes. Indes betont die Hamburger (Fach-) Presse, die sich in merkwürdiger Kritiklosigkeit und anbiedernder Nähe zur Franchise befindet, dass keine Panik angesagt sei.

Jeder Bericht, der sich mit dem HSV auseinandersetzt, ist inzwischen kritischer als alles, was zu den Freezers veröffentlicht wird. Oder gibt es bei Artikeln über die Freezers nicht dieses Kitzeln, das sich bei Schreibern und Lesern einstellt, wenn über den Untergang berichtet wird?

Die Stellungnahmen nach den Spielen ähneln fast schablonenartig den Aussagen Laportes:

  • Die vielen Verletzten und die daraus resultierende Eiszeit der anderen Spieler bringen eine mentale Müdigkeit mit. Diese führt zu Fehlern, die der Gegner eiskalt ausnutzt.
  • Die Freezers müssten ständig in Unterzahl spielen, weil sie zu viel Strafzeiten kassieren. Und das, obwohl man sich vor jedem Spiel vornimmt, der Strafbank fern zu bleiben.
  • Insgesamt habe man aber gut gespielt. Nur individuelle Fehler gemacht.
  • Die Saisonziele bleiben unangetastet.

Die Aussagen des Trainers werden dann stets von Thomas Oppenheimer und Kapitän Christoph Schubert bestätigt. Zwei ausgesprochene Führungsspieler. Dieser Anspruch zeigt sich derzeit aber lediglich in der öffentlichen Wahrnehmung oder vielleicht in der Kabine. Aber nicht auf dem Eis.

Schubert leistet sich zum Teil extrem riskante (Fehl-)Pässe in der eigenen Zone, lässt sich auf Laufduelle ein, die er nicht (mehr) gewinnen kann, und präsentiert sich gerade hinter dem eigenen Tor als unsicher. Thomas Oppenheimer trifft das Tor nicht. Sein Spiel (gerade im Powerplay) wirkt ideenlos, und auch er erlaubt sich an der blauen Linie haarsträubende Fehler.

Statt sich in den Analysen zu verlieren, wäre es schön, wenn beide mal die Leistung abrufen würden, die von ihnen als Führungsspieler und unter monetären Gesichtspunkten erwartet werden darf.

Fazit: Das Gerede vom nächsten Schritt

Die Punktebilanz der ersten vier Wochen in diesem Jahr ist verheerend. Die Fans auf Facebook trösten sich mit dem Gedanken, dass dies ja alles das berühmte Jammern auf hohem Niveau sei. Andererseits schmilzt der Punkteabstand von Spieltag zu Spieltag. Und so weit entfernt ist der Platz 7 nun auch wieder nicht.

Auf wen auch immer die Mannschaft von Serge Aubin in den Playoffs trifft. Leichtes Spiel hatten die Freezers in der Hauptrunde mit keinem Gegner.

Wenig, bis gar nichts ist Serge Aubin bisher gegen das Spielsystem von Uwe Krupp eingefallen. Sowohl gegen Köln (ehemalige Wirkungsstätte) als auch gegen Berlin (neuer Arbeitgeber Krupps) tat man sich schwer, überhaupt die neutrale Zone zu überbrücken.

Auch besonders körperbetontes Spiel wie es der ERC Ingolstadt oder die DEG praktizieren, liegt den Hamburg Freezers nicht. Am überzeugendsten waren die Spielzüge noch gegen München und Mannheim. Eine Begegnung mit diesen Mannschaften in der ersten Runde der Playoffs ist nicht ausgeschlossen, aber (mit Glück) unwahrscheinlich. Es geht also gegen Gegner, die entweder besonders heimstark sind oder gerade dem Spielsystem der Freezers nicht entgegenkommen.

Doch, doch. Die Hamburg Freezers haben sich mit ihrem kleinem Kader und den personellen Turbulenzen (Langzeitverletzte, Cabana usw.) gut aus der Affäre gezogen. Aber sie werden auch in diesem Jahr definitiv nicht den »nächsten Schritt« machen.

  • Ein Einzug in das Finale ist derzeit eher unwahrscheinlich.
  • Die Zuschauerzahlen stagnieren und entsprechen nahezu dem Vorjahresniveau.
  • Der Mannschaft mangelt es an Konstanz (verniedlichend als »Wundertüte« bezeichnet).

Diesen nächsten Schritt hat aber ohnehin nur die überschaubare Schar der Lokalpresse erwartet und gefordert. Wie sagte ein großer deutscher Journalist mal so schön: Man dürfe sich als Journalist nicht gemein mit einer Sache machen. Statt Heimgeschichten wäre mir in diversen Sportteilen mal eine Analyse der Spielweise und kritische Fragen zum Fortgang deutlich lieber.

Aber das mag persönlicher Geschmack sein.

Als Meisterkandidat fehlten die Hamburger in den Meinungsumfragen der Fachpresse vor Saisonbeginn.

Und das ganz zurecht. Vielleicht klappt es ja im nächsten Jahr… In dieser Saison braucht es dazu mehr als ein Eishockeywunder. Und die sind selten.

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