Die „Krise“ bei OpenOffice

In den vergangenen Tagen geisterte durch die einschlägigen IT-Gazetten eine Einschätzung des Entwicklers Michael Meeks zur Lage bei OpenOffice. Ihn beunruhigt insbesondere der Rückgang der aktiven Programmierer und ein schleichender Rückzug von Sun. Je nun. Ich bin innerhalb des Projekts nicht engagiert, sondern beobachte es mit journalistischer Neugier und gehe auch täglich mit den Ergebnissen zweier Projekte (openSuse und OpenOffice) praktisch um, in dem ich die Produkte einsetze. Ob OpenOffice als Projekt wirklich „krank“ ist oder nicht, vermag ich natürlich nicht zu beurteilen, dass das Release 3.0 allerdings eine funktionale Enttäuschung ist, dagegen schon. Das Programm Writer begleitet mich täglich. Die auch öffentlich besonders hervorgehobenen Neuerungen sind die Skalierung mittels eines Schiebereglers sowie die farbigen Kommentare. Natürlich gibt es noch zahlreiche Verbesserungen im Detail, bloß die sieht niemand. Und wenn dann wenige Wochen nach dem Release plötzlich kolportiert wird, dass sich ein Projekt um eine schickere Oberfläche kümmern will, dann ist dieses Timing zumindest als unglücklich zu bezeichnen.

Ich weiß, dass mich die nachfolgenden zwei Thesen nicht gerade populär machen werden, aber dennoch müssen sie einmal raus: 1. OpenSource-Entwickler verstehen augenscheinlich nichts von Marketing. 2. OpenSource-Entwickler denken nicht an den Anwender.

Es ist schön, dass Calc nun noch mehr zu Excel aufgeschlossen hat, es ist schön, dass es im Writer farbige Kommentare im Post-It-Stil gibt, aber wo sind die Argumente, die mir als Nutzer das Gefühl geben, dass ich unbedingt diese Software einsetzen soll? Auch wenn es wahrscheinlich an dieser Stelle niemand gern liest: Von Microsoft lernen, heisst in diesem Fall einfach siegen lernen. Denn, dass es im Bereich der Office-Pakete wenig Funktionen zu erdenken gibt, die tatsächlich sinnvoll sind und praktischen Nutzen versprechen, ist aufgrund der langen Historie dieses Genres nicht verwunderlich. Und was machte Microsoft bei Office 2007? Es entwickelte eine komplett neue Oberfläche, die auch genügend Eye-Candy enthält, so dass das Arbeiten damit einfach Spaß machen kann. Das nenne ich Marketing! Dass es Entwicklern schwer fällt, sich in einem solchen Softwareblock wie OpenOffice wiederzufinden, da kein Anwender jemals seinen persönlichen Beitrag zum Projekt optisch entdecken wird, trägt sicherlich nicht zur Langzeitmotivation eines Freiwilligen bei. Um dem bekannten Vorwurf gleich vorzubeugen: Marketing muss (gerade heute nicht mehr) nichts mit Budget zu tun haben. Also bitte jetzt nicht das Argument mit der fehlenden monetären Ausstattung kommen.

Die zweite These hängt sehr eng mit der ersten zusammen: Wer wirklich an seine Nutzer denkt, rollt keinen Desktop aus, der so buggy ist, dass damit niemand arbeiten kann, um später dann zu vermelden, dies sei eine Preview. Auch die anschließend hintergeschmissenen Interviews, dass jede KDE-Generation für immer weitere Nutzerkreise empfehlenswert wird, geht an den Anwendern vorbei und stammt noch aus der Zeit, in der Linux nur von einem erlauchten Kreis von Eingeweihten benutzt wurde und werden konnte.

Und KDE 4.1 eignet sich meiner Meinung nach immer noch nicht für den Produktiveinsatz, zumindest, wenn ein wichtiger Parameter Stabilität sein sollte. In Nürnberg braucht man sich deshalb auch nicht zurückzulehnen. Es sei dem lieben „Zonker“ geschrieben, dass eine Distribution, die im Rahmen eines Updateprozesses vergisst, die aktuell dann zuständigen Repositories einzutragen und alles, was mit Multimedia auf dem System vorhanden war, niederzubügeln, entweder bei der Konzeption schludert oder keinerlei Qualitätssicherung genossen hat.

So lange bei der Entwicklung schlicht der einfache Anwender ausser Acht gelassen wird und Benutzbarkeit ein Fremdwort bleibt, bleiben Opensource-Projekte die Geheimtipps einiger Geeks und von Leuten, die ihr System nicht einfach benutzen wollen, sondern die Zeit und die Lust haben, daran auch noch herumzubasteln.

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2 Antworten auf Die „Krise“ bei OpenOffice

  1. Klaus mit Zeh 31/12/2008 at 16:39 #

    Gut zu wissen, dass man nicht alleine ist. Ich versuche schon seit Tagen vernünftig mit Ubuntu Videos zu schneiden. Es gibt ja auch eine Handvoll netter Tools, aber nur Kino läuft als einziges Programm stabil. Andere Programme gibt es entweder als (ur)alte Version, oder können keine Videos von der DigiCam einlesen, oder stützen immer wieder ab, oder haben eine GUI zum weglaufen.
    Ich kenne nur ein System welches hier von Haus aus punkten kann und das ist Mac OS.

  2. Anonymous 5/2/2009 at 12:24 #

    Ich pflichte dir in beiden Punkten zu. Ich empfinde großen Respekt für jene Menschen, die ihre Freizeit opfern, um OSS zu programmieren. Aber habe ich bis jetzt immer die gleiche Erfahrung gemacht: gute Usability und OSS widersprechen sich anscheinend.
    Nur ein kleines Beispiel: Ich möchte gern OOo 3 auf Mac OS verwenden. Doch leider werden die Systemshortcuts nicht unterstützt. Warum? Es ist nahezu unbenutzbar, so wie es momentan ist. Warum tut man sowas überhaupt? Weil OSS Entwickler ihr Produkt so gut kennen, dass ihnen das nicht auffällt? Weil sie kein Gespür für die Wünsche der Anwender haben?

    Gerade OOo hätte das Zeug dazu, das Genre zu revolutionieren (zumindest in der Mac OS-Welt). Eine neue intuitive Benutzeroberfläche … nicht so etwas unbenutzbares wie Office 2007, zB. Tabs, Toolboxen, welche sich aneinander um am Bildschirmrand andocken lassen. Anbindungen an Zoho und GoogleDocs (rudimäntär implementiert durch einige Plugins).

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